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250 Jahre USA: Die geilen Staaten von Amerika?

Man muss Amerika nicht mögen, um ihm dankbar zu sein. Das ist eine dieser unangenehmen Wahrheiten, die sich besonders auf dem Gebiet der Sexualität aufdrängen. Doch kaum ein Land hat...

Man muss Amerika nicht mögen, um ihm dankbar zu sein. Das ist eine dieser unangenehmen Wahrheiten, die sich besonders auf dem Gebiet der Sexualität aufdrängen. Doch kaum ein Land hat die westliche Welt in Fragen des Eros so befreit und emanzipiert wie die Vereinigten Staaten. 250 Jahre nach der Unabhängigkeitserklärung ist es Zeit für eine nüchterne Bilanz — und die fällt überraschend positiv aus.

Der Biologe und das Schaf

Den Anfang macht ein Entomologe aus Indiana, der eigentlich Gallwespen studiert hatte. Alfred C. Kinsey veröffentlichte 1948 Sexual Behavior in the Human Male und erschütterte damit das puritanische Amerika bis in seine Grundfesten. Kinsey und seine Kollegen hatten über 5.300 Männer interviewt, mit bis zu 521 Fragen pro Person. Das Ergebnis war so skandalös wie erhellend: 37 Prozent der befragten Männer hatten bis zum Alter von 45 Jahren mindestens einen Orgasmus mit einem anderen Mann erlebt. Homosexualität war also kein Randphänomen, kein Laster weniger Verwirrter. Sie war Teil des menschlichen Spektrums.

Kinseys eigentliche Bombe war aber die Kinsey-Skala: ein Kontinuum von 0 (ausschließlich heterosexuell) bis 6 (ausschließlich homosexuell). Sieben Stufen, die das Schwarz-Weiß-Denken einer ganzen Zivilisation in Frage stellten. Die Kernthese lautete: „Männer lassen sich nicht in zwei diskrete Bevölkerungsgruppen einteilen, homosexuelle und heterosexuelle. Die Welt ist nicht in Schafe und Böcke zu scheiden." Heute klingt das nach einer Selbstverständlichkeit. 1948 war es eine Revolution. Das Buch wurde binnen zwei Monaten von über 200.000 Amerikanern gekauft und stand gleichzeitig auf den Bestsellerlisten wie im Kreuzfeuer der Kritik der Kirchen. Fünf Jahre später folgte der zweite Report über das weibliche Sexualverhalten. Was er enthüllte, war für die damaligen Verhältnisse kaum weniger provokant: Frauen masturbieren. Frauen haben Orgasmen. Frauen begehren. Diese Selbstverständlichkeiten musste Amerika sich 1953 erst erarbeiten.

Im Labor der Lust

Wo Kinsey befragt hatte, beobachteten William Masters und Virginia Johnson. Ihr 1966 erschienenes Buch Human Sexual Response basierte auf der direkten Beobachtung von fast 700 Probanden im Labor, unter wissenschaftlichen Bedingungen. Die Studie identifizierte vier Phasen der sexuellen Erregung und belegte, dass Frauen multiple Orgasmen erleben können und dass die Libido bis ins hohe Alter erhalten bleibt. Vor allem aber zertrümmerte das Duo einen Mythos der Psychoanalyse: Sie widerlegten Freuds Theorie des „reifen" vaginalen, gegenüber dem „unreifen" klitoralen Orgasmus und zeigten, dass klitorale Stimulation der entscheidende Faktor ist. Das war ein medizinischer Frontalangriff auf ein Jahrhundert männlicher Deutungshoheit über weibliche Sexualität. Auch dieses Buch wurde ein Bestseller.

Sieben Jahre später vollzog die Wissenschaft den nächsten großen Schritt: 1973 strich die American Psychiatric Association Homosexualität aus ihrem Diagnoseschlüssel - kein Leiden mehr, sondern eine Variante menschlicher Sexualität. Die Moral hatte verloren. Die Empirie hatte gewonnen.

Sex und Polizei und Politik

Parallel zur Wissenschaft kämpften die Gerichte. 1965 entschied der Supreme Court in Griswold v. Connecticut, dass verheirateten Paaren der Zugang zu Verhütungsmitteln nicht verwehrt werden darf. Sieben Jahre später, in Eisenstadt v. Baird, galt dasselbe für Unverheiratete. Die Antibabypille war bereits 1960 zugelassen; das Recht, sie ungestraft zu nutzen, musste erst erkämpft werden.

Dann kam die Nacht, die alles veränderte: In den frühen Morgenstunden des 28. Juni 1969 stürmte die New Yorker Polizei das Stonewall Inn, eine Kneipe in Greenwich Village - eine von vielen Razzien, aber diesmal die letzte, die widerstandslos hingenommen wurde. Schwule, Lesben, Trans-Personen und Drag Queens wehrten sich. Sechs Tage lang. Genau ein Jahr später, am 28. Juni 1970, marschierten einige Tausend Menschen in New York durch die Straßen. Das war der erste Christopher Street Liberation Day, Vorläufer aller Pride-Paraden weltweit. Amerika hatte nicht nur zunächst Freiheit verweigert, es hatte auch die Bewegung geboren, die diese Freiheit durchsetzte.

Doch selbst 1998 - man muss dieses Jahr zweimal lesen - konnten in Texas zwei Männer in ihrer eigenen Wohnung verhaftet und verurteilt werden, weil sie einvernehmlich Sex hatten. Das „Homosexual Conduct"-Gesetz stellte Oral- und Analverkehr zwischen gleichgeschlechtlichen Personen unter Strafe. 2003 kippte der Supreme Court in Lawrence v. Texas mit sechs zu drei Stimmen alle verbleibenden Sodomiegesetze der USA. Richter Anthony Kennedy formulierte: „Die durch die Verfassung geschützte Freiheit erlaubt homosexuellen Personen das Recht, in den eigenen vier Wänden Beziehungen einzugehen und dabei ihre Würde als freie Menschen zu bewahren." Zwölf Jahre später erklärte derselbe Gerichtshof in Obergefell v. Hodges gleichgeschlechtliche Ehe zum Grundrecht. Nationwide.

Wir haben uns erlaubt, "Gleichheit" Lady Liberty - die bei uns Lady Magic heißt - auf die Tafel zu schreiben: Die Unabhängigkeitserklärung in einem Wort! 

Ficken am Fließband - industriell

Und dann ist da noch die andere Seite Amerikas: die, die niemand offiziell erwähnt, aber alle kennen. Hollywood produziert Blockbuster - Los Angeles produziert auch "das Andere". Die amerikanische Porno-Industrie ist der weltgrößte Markt in dem Bereich. Die USA machen schätzungsweise 25 bis 30 Prozent des globalen Umsatzes aus, der sich auf rund 97 Milliarden Dollar jährlich beläuft. Der US-Anteil allein - rund 15 Milliarden Dollar. Amerika, das noch 2003 Bundesstaaten hatte, in denen einvernehmlicher Analverkehr unter Strafe stand, ist gleichzeitig der dominante Motor einer globalen Sexindustrie. Keine Nation hat menschliche Sexualität so intensiv industrialisiert, distribuiert und monetarisiert.

Das ist kein Widerspruch. Das ist Amerika, das Land, das Prüderie und Libertinage nicht als Gegensätze betrachtet, sondern als zwei Seiten derselben obsessiven Beziehung zur Sexualität.

Das Paradox als Programm

Was bleibt von 250 Jahren? Kinsey hat bewiesen, dass sexuelle Vielfalt normal ist. Masters & Johnson haben bewiesen, dass weibliche Lust real und messbar ist. Die Gerichte haben bewiesen, dass Würde und Privatsphäre stärker sind als Mehrheitsmoral. Und die Industrie hat bewiesen, dass Begehren eine Ökonomie trägt, die größer ist als der globale Musikmarkt.

Amerika ist bigott. Es hat Aufklärung verboten und Pornografie globalisiert. Es hat queere Menschen verhaftet und ihnen schließlich das Grundrecht auf Ehe zugesprochen. Es hat Sexualität pathologisiert, kriminalisiert, verteufelt - und dann Kinsey, Masters & Johnson und den Supreme Court losgeschickt, um den Schaden zu reparieren.

Die sexuelle Freiheit, wie wir sie heute kennen, ist nicht trotz Amerika entstanden. Sie ist auch durch Amerika entstanden. Das ist so gesehen kein Widerspruch. This is USA! Nein, es sind ihre Menschen.

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